R.I.P. - Oracle Warehouse Builder

von Sven Bosinger (Kommentare: 0)

owbripIm Herbst 2013 hat Oracle das Ende des Oracle Warehouse Builder (OWB) beschlossen (Statement of Direction). Die Folge war ein Aufschrei in der OWB (Fan-) Gemeinde! Die DOAG startete unter ihren Mitgliedern eine Umfrage, die im Rahmen der Jahreskonferenz im November 2013 veröffentlich wurde (DOAG-Umfrage). Aus dieser, sicher nicht ganz repräsentativen Umfrage geht hervor, dass viele Anwender den Umstieg auf ein alternatives Produkt scheuen, bzw. als sehr kostspielig einschätzen.

Wird hier von Oracle ein Erfolgsprodukt in der Blüte seines Lebens zu Grabe getragen?

R.I.P. - Rest in Peace

Die aktuelle Version (11.2) des OWB ist mit dem aktuellen Datenbank-Release Oracle 12c Rel.1 zertifiziert, wird aber mit den Nachfolge-Releases der Datenbank nicht mehr zur Verfügung stehen. Wann das nächste Datenbank-Release verfügbar sein wird, so dass dieses Ende auch eintritt,  ist noch nicht bekannt. Erfahrungsgemäß ist mit einem Launch nicht vor 2015 (eher 2016 oder später) zu rechnen. Das Konkurrenz- bzw. Nachfolgeprodukt der Oracle Data Integrator (ODI), der durch Akquisition der Firma Sunopsis im Jahr 2006 in das Oracle-Portfolio aufgenommen wurde, wird mit den Datenbank-Releases jenseits von 12c Rel.1 zertifiziert sein und ist ebenso auf den aktuellen Datenbank-Releases (11g Rel.2 und 12c Rel.1) verfügbar.

Die Oracle 12c Rel.1 Datenbank wird noch einige Jahre über den Launch des Nachfolgers hinaus supported werden, womit auch einem Einsatz des OWB 11.2 für diesen Zeitraum nichts im Wege steht. D.h. ein sofortiger Stopp von OWB-Projekten und eine überstürzte Migration sind nicht notwendig.

Die Strategie, dass der OWB durch den ODI substituiert werden soll, ist vor einigen Jahren schon durch Oracle offen und klar formuliert worden. Daher sind in den letzten Jahren immer weniger OWB-Projekte gestartet worden. Viele der Installationen sind schon jetzt 5 bis 10 Jahre alt und werden bis zur Einstellung des OWB-Supports  mindestens 10-15 Jahre alt sein. Sie haben also dann ihren Zenit ohnehin überschritten und stehen für eine „Renovierung“ an.

Woher kommt also die Skepsis der Anwender, eine Migration des OWB in Richtung des ODI anzugehen? In erster Linie, das geht auch aus der DOAG-Umfrage hervor, ist dies monetär getrieben:

  • Während der OWB als Bestandteil der Datenbank keine zusätzlichen Lizenzkosten generiert, ist der ODI ein kostenpflichtiges Produkt. Hier kommen nicht unerhebliche Mehrkosten auf die Data Warehouse (DWH) Betreiber zu.
  • Die Funktionsweise des ODI ist sehr verschieden zum OWB. Ein OWB Entwickler ist ohne Umschulungsmaßnahmen nicht in der Lage den ODI adäquat zu benutzen. Hier muss von Seiten der DWH Betreiber in größerem Umfang in Aus- und Weiterbildung investiert werden.
  • Noch gibt es keinen 100-prozentigen Migrationsweg vom OWB zum ODI, d.h. mehr oder weniger aufwändige Migrations-Projekte werden bei der Umstellung notwendig sein.

Welche Handlungsmöglichkeiten ergeben sich nun aus der von Oracle kommunizierten Strategie für die DWH-Betreiber?

Ein „Weiter wie bisher“ wird es nicht geben können, da von Seiten Oracle glaubhaft versichert wurde, dass der OWB nach 12c Rel.1 nicht nur nicht zertifiziert, sondern auch nicht mehr lauffähig sein wird. Also auch ein nicht mehr zertifizierter Betrieb scheidet hiermit aus.

Grundsätzlich gibt es zwei denkbare Szenarien:

  1. Der von Oracle favorisierte Umstieg auf den ODI
  2. Umstieg auf ein Konkurrenzprodukt

Da für den heutigen OWB Nutzer die Möglichkeit 1 sich von der Möglichkeit 2 nur geringfügig unterscheidet, werden viele die Möglichkeit 2 ernsthaft untersuchen.

Die Migration vom OWB zum ODI wird zwar durch Oracle unterstützt werden, allerdings ist es wahrscheinlich, dass eine vollautomatische Migration nicht möglich sein wird. Da davon auszugehen ist, dass auch andere ETL-Hersteller diesen Markt für sich sehen, ist es sehr wahrscheinlich, dass in den nächsten Monaten auch Migrationsangebote zu anderen Technologien angeboten werden. Diese werden sich im Aufwand nicht nennenswert von einer Migration hin zum ODI unterscheiden.

Auf der reinen Lizenzseite muss man den ODI ins gehobene Mittelfeld einordnen. Es gibt eine ganze Reihe von preiswerteren Lösungen bis hin zu Open Source Alternativen. Hier ist der ROI (Return on Investment) im Einzelfall zu betrachten. Eine Umschulung der Mitarbeiter ist aber in allen Fällen erforderlich.

Nicht zu unterschätzen ist der psychologische Effekt der Oracle Politik. Der eine oder andere wird sich fragen: Kann das, was heute mit dem OWB passiert, nicht auch in naher Zukunft mit dem ODI passieren? Objektiv gesehen spricht nichts dafür, aber welche Entscheidungen werden schon rein objektiv getroffen?

Es gibt allerdings nicht nur Negatives zur berichten! Aus dem Druck heraus über eine Migration nachzudenken, ergeben sich für viele DWH-Betreiber auch Chancen. So steht bei vielen ohnehin aufgrund des Alters der Systeme eine „Renovierung“ an. Man kann im Rahmen einer Migration diese notwendigen Erneuerungen durchaus vorantreiben. Die notwendigerweise neuen Werkzeuge, egal ob der ODI oder ein Drittprodukt, werden neue Funktionalitäten bereitstellen. Am OWB ist ja die letzten Releases nicht wirklich mehr etwas Entscheidendes passiert. So kann aus dem unumgänglichen Übel der Migration auch etwas Neues und Innovatives erwachsen.

Kurz noch eine persönliche Anmerkung: Als OWBler der ersten Stunde habe ich den OWB über die Jahre hinweg sehr geschätzt. Mir war es vergönnt eine ganze Reihe von sehr erfolgreichen Projekten auf seiner Basis durchzuführen.

R.I.P. OWB (Rest in Peace – Oracle Warehouse Builder)

Zurück

Einen Kommentar schreiben